| Fachgespräch zur Situation im Atommüll-Endlager Asse II | weiter | zurück zum Inhaltsverzeichnis |
(Anmerkung: außer Hans-Georg Babke hatte niemand ein Mikrofon
zur Verfügung. Deshalb sind in der Aufzeichnung viele Beiträge
nur zum Teil oder gar nicht verständlich. Alles Kursive beruht auf
stichwortartigen Aufzeichnungen während der Veranstaltung bzw. Interpretation/Zusammenfassung
des Mitschnitts)
Musiol: Vielen Dank, Hans-Georg Babke, für diese, ja, mal
etwas andere Sicht auf die Frage der Endlagerung. Ich kann mir vorstellen,
daß es dazu bei Ihnen eine Reihe von Fragen gibt. Ich möchte
Sie aber bitten, jetzt nicht auf die Gefahren durch die Asse einzugehen,
sondern auf die ethischen Fragen, die Herr Babke angesprochen hat und bitte
um Fragen.
Herr Closs, FZK
Herr Babke hatte das Thema Rückholbarkeit angesprochen. Dem Frager
geht es darum, daß dieses Thema nicht ohne radiologische Risiken
und
nichtKosten/Nutzenanalyse angegangen werden kann.
Babke: Also, die Kosten-/Nutzengesichtspunkte, auch die ökonomischen
Kosten-/Nutzen-gesichtspunkte, ich vermute darauf zielt auch Ihre Frage,
also die
finanziellen Belastungen - selbstverständlich müssen die
erörtert werden, und ich denke, die ganze Frage der Rückholbarkeit
oder Nicht-Rückholbarkeit muß
hinsichtlich ihrer Konsequenzen nochmal ganz breit diskutiert werden
in einem öffentlichen Diskurs, und zwar in einem breiten öffentlichen
Diskurs, gerade angesichts der Tatsache, daß eben auf europäischer
Ebene eine Tendenz zur Nicht-Rückholbarkeit da ist, wie die Studie
der EU-Kommission deutlich macht; und doch kann man sagen, EU 19/142 oder
145 macht ganz deutlich, daß die meisten europäischen Länder
auf eine rückholbare Konzeption zugehen, aufgrund der Anregung insbesondere
auch der Kritiker der Endlagerung auf eine rückholbare Konzeption,
die allerdings sicher ist, also in tiefen geologischen Schichten, mit einer
Ausdehnung passiver Einlagerungszeiten und einer Verschiebung aktiver Versiegelungsmaßnahmen.
Und über diese Alternative
Rückholbarkeit/Nicht-Rückholbarkeit muß in der Tat
ein ganz neuer Diskurs geführt werden.
Redebeitrag und Frage unverständlich
Musiol: Das war Herr Lührs, ehemals Vorsitzender der Umweltkammer unserer Landeskirche.
Babke: Ja, Herr Lührs, ich würde Ihnen völlig zustimmen, daß das so sein muß. Das habe ich deutlich gemacht in meinem Plädoyer für Monitoring, für Safeguards und für technische Sicherheitsmaßnahmen im Falle der rückholbaren Endlagerung in tiefen geologischen Schichten.
Appel: Ich möchte einem Mißverständnis vorbeugen. Tatsächlich ist es so, daß man europaweit (über die rückholbare Endlagerung) diskutiert. Es wäre aber ein Fehlschluß anzunehmen, dahinter steckten immer ethische Erwägungen. Es sind nur wenige nationale Programme, die solchen Überlegungen ethische Gründe zugrunde legen, sonst sind es praktische Gründe.
Babke: So blauäugig bin ich auch nicht, daß ich meine, daß die Ethik nun ein solches Gewicht haben sollte.
Haury, GSF
Erster Teil des Beitrags unverständlich,
dann die Aussage, daß die Unschärfetheorie in der wissenschaftlichen
Erkenntnis im konkreten Falle der Bevölkerung wenig nutze.
Babke: Also zunächst mal zur ersten Frage: wie ist das Verhältnis
zwischen Naturwissenschaften, wer ergreift die Initiative zum Gespräch.
Es gibt sehr viele
Gesprächsforen, wo das Gespräch von Seiten der Geisteswissenschaftler
eröffnet wurde. Ich denke z.B. an den VDI, der einen Ethikrat unterhält,
der angeregt worden ist durch die Philosophen. Ich kenne auch einige Gesprächskreise,
wo die Geisteswissenschaftler zum interdisziplinären Gespräch
mit den
Naturwissenschaftlern eingeladen haben, auch im Bereich unserer Landeskirche.
Es gibt von beiden Seiten Initiativen.
Zur zweiten Frage: In der Tat muß man
unterscheiden, in welcher Situation befinden wir uns. Befinden wir uns
in der Situation, daß konkrete Gefahrenabwehr erforderlich ist, oder
befinden wir uns in der Situation, daß wir vor der Entscheidung über
ein Vorhaben über Alternativen reflektieren können. Selbstverständlich
muß in einer Situation der Gefahrenabwehr sofort gehandelt werden,
während wir uns in der anderen Situation Zeit lassen können.
Da gebe ich Ihnen völlig recht. Gleichwohl denke ich für das
Verfahren Asse, gerade weil die Langzeitsicherheitsprobleme sehr früh
aufgetaucht sind, ist neben der Frage der Gefahrenabwehr, der akuten Gefahrenabwehr
möglicherweise auch hier noch einmal die Möglichkeit da, die
Grundsatzfrage ganz neu zu erörtern und diese Problemrückverschiebung,
von der ich gesprochen habe, in Angriff zu nehmen.
Musiol: stellt die Frage zur aufgestellten Forderung nach Fehlerfreundlichkeit,
die ja ein nicht-rückholbares Endlager ausschließe. Daraus resultiere
die
Frage, wie es in der ethischen Diskussion damit aussehe, einmal die
Fehlerfreundlichkeit zu fordern, andererseits aber allen künftigen
Generationen die
Sorge um die Sicherheit der Endlagerung aufzuerlegen. Wenn man die
Revidierbarkeit einer Entscheidung immer im Hinterkopf habe, könnte
das nicht zu
einer geringeren Sorgfalt bei einer Entscheidung für einen Endlagerstandort
führen?
Babke: Also das mit der Sorge um künftige Genrationen ist
eine zweischneidige Sache. Es wird ja auch immer von den Befürwortern
der nicht-rückholbaren
Konzeption gesagt, - also genau dieses Argument - gerade aus Verantwortung
für künftige Generationen müßten wir das möglichst
schnell verbringen, so daß also von diesem Atommüll keine Gefahr
mehr ausgeht, und ich nehme dieses Argument sehr ernst. Gleichwohl steht
natürlich der Verpflichtung künftiger Generationen, bei der rückholbaren
Konzeption diese Endlager zu bewirtschaften und dafür zu sorgen, daß
von ihnen keine Gefahr ausgeht, auf der anderen Seite natürlich die
Gefährdung künftiger Generationen gegenüber, daß eben
durch schnellen Austritt der radioaktiven Wässer möglicherweise
ihr Lebensraum beeinträchtigt oder sogar nachhaltig geschädigt
wird. Die Frage, welches die höher zu veranschlagende Gefahr ist,
die müßte in Diskursen noch mal ganz neu geklärt werden
und nicht vorentschieden werden, und das ist das, was ich hier bemängele.
Daß also vieles einfach vorentschieden worden ist, ohne daß
ein ordentlicher Diskurs darüber geführt worden ist, über
welche Risiken wollen wir uns eher verständigen und auf welche Risiken
wollen wir uns nicht verständigen. Von daher will ich sagen, dies
ist nochmal Sache eines Diskurses.
Zur zweiten Frage, ob die Forderung nach Fehlerfreundlichkeit
nicht zu mangelnder Sorgfalt führt: das kann natürlich passieren.
Aber das ließe sich ja
kontrollieren, und es ließen sich hier
weitere Bedingungen einbauen. Also, dieses wäre revidierbar. Von daher
würde ich sagen, mangelnde Sorgfalt läßt sich immer nachbessern,
wenn es den Fehlerfall gibt.
Komorowski, BMBF: wehrt sich gegen den Vorwurf,
die Ethik werde nicht genügend berücksichtigt, Bund. Land und
Projektleitung hätten Interesse an
Auseinandersetzung und Transparenz. ...Ich kann in diesem verkürzten
Diskussionsbeitrag nicht deutlich machen, was in einem umfangreichen Prozeß
realisiert
wurde. Wir haben vor Jahren genau jene Fragen erörtert, alle Möglichkeiten
ausgeschöpft ... wir haben zusätzliches Geld in die Hand genommen,
weit über das, was wir nach den gesetzlichen Notwendigkeiten machen
mußten, um genau dieses abzuklopfen, was Sie anmahnen. Es mag ja
sein, daß hier ein Lag ist zwischen denjenigen, die informiert sein
wollen und denjenigen, die Verantwortung auf dem ... haben. Es mag sein,
daß hier ein besseres Aufeinander-zu-gehen noch mehr Transparenz
und mehr ... Ich meine, daß man alle Möglichkeiten ausgeschöpft
hat, um solche Szenarien, die Sie herantragen, eben nicht eintreten zu
lassen. Der Bund selber, weil er ja für Schäden eintreten müßte,
wenn sie denn kämen, - die GSF als Träger der Veranstaltung hat
ja kein eigenes Geld - jedenfalls müßte der Bund selber hier
eintreten. Der Bund hat ein massives Interesse, das Land hat ein Interesse
... vielleicht ist das Ringen um das, was man hier macht, unter Ausschöpfung
aller Möglichkeiten ...
Weiter merkt er an, daß das Bergrecht nicht minderwertig ist gegenüber einem anderen Verfahren:
Die gleichen Schutzziele werden substanziell abgehandelt, da gibt es keine Abstriche ... das Rechtsgefüge mag ein anderes sein. ...
Ich wollte nur verdeutlichen, daß von
Seiten des Bundes wirklich hier versucht wurde, auch die Ethik in die Entscheidung
einzubeziehen. ...
Babke: Ich möchte nur so viel dazu sagen: es freut mich,
daß es in der Tat so ist, daß also ethische Aspekte berücksichtigt
werden. Vor 10 Jahren war das noch eine ganz andere Sache. Da konnte jemand
sagen: „Wir als Amt haben keine Ethik und beschäftigen uns damit nicht"
Das war sozusagen der Kontrast, vor dem ich das gesagt habe. Das bestätigt
nur noch einmal meine Aussage, daß die Ethik oder ethische Erwägungen
mittlerweile eine größere Rolle spielen, als das damals der
Fall war.
Lührs:
Appell zur stärkeren Einbeziehung der
Ethik in die technische Entwicklung
Appel: Natürlich ist es wichtig, daß Naturwissenschaftler
und Ethiker miteinander diskutieren, aber ich glaube, daß es von
erheblichem Interesse sein könnte, wenn sie bei der konkreten Entwicklung
von Entsorgungsprogrammen oder Endlagerprogrammen tatsächlich faktisch
zusammen arbeiten. D.h. die ethischen Überlegungen tatsächlich
wiedererkennbar in solche Prozesse eingehen. Hierzu nur ein Beispiel: In
der Schweiz ist ein Ethiker in dem entsprechenden Entwicklungsgremium beteiligt,
und kann seine Ideen dort einbringen. Das hat auch dazu geführt, daß
seine Ideen in die Entwicklung eingeflossen sind. Diese Verfahrensentwicklung
ist aber noch nicht abgeschlossen, und es ist erkennbar, daß bei
der Ableitung des Sicherheitsprinzips, die sich aus den Prinzipien ergeben
könnte, erhebliche Schwierigkeiten ergeben, oder, anders ausgedrückt,
daß sich bei Umsetzung ethischer Prinzipen auf Dauer erhebliche Schwierigkeiten
ergeben. Aber hier in der Schweiz gibt es ein konkretes Beispiel, wo so
etwas versucht wird. Und allen, die sich damit auseinandersetzen, kann
ich nur empfehlen, sich diese Informationen zu holen. Ein erster Arbeitsbericht
ist über das Internet verfügbar. Ich hoffe, in diesem Jahr wird
der Abschlußbericht oder zweite Bericht dieses Gremiums erscheinen.
Musiol: Ich habe noch zwei Wortmeldungen gesehen. -
Haury, GSF:
zum Thema Ethik und Moral von Behörden.
Babke: Ich muß noch mal an die Unterscheidung zwischen
deontologischer und teleologischer Ethik erinnern, die Unterscheidung zwischen
individueller
Pflichtenethik und Verantwortungsethik. In der Tat würde ich einer
Behörde niemals zugestehen, meine individuelle Pflichtvorstellung
durch irgendwelche Doktrinen totalitär beeinflussen zu dürfen.
Gleichwohl gilt für die Verantwortungsethik, daß diejenigen,
die handeln, nach bestimmten Kriterien handeln müssen und dafür
Verantwortung tragen und diese auch rechtfertigen müssen. Dafür
Verantwortung tragen, daß ihr Handeln keine schädlichen Folgen
hat. Das gilt für Institutionen, Entscheidungsgremien wie Parlamente,
den Staat selbst. Die Umweltstaatszielbestimmung 20a hat ja den Staat zum
Adressaten als Institution. Auch wenn ich einen Weltanschauungsstaat, einen
totalitären Weltanschauungsstaat ablehnen würde, würde ich
auf der anderen Seite ihm zubilligen, insbesondere natürlich seinen
Verfassungsorganen, daß er diese Verantwortung für Lebensgrundlage
zukünftiger Generationen wahrnimmt und daß er sich dafür
rechtfertigen kann, nach welchen Prinzipien er das getan hat. Und diese
Rechtsprinzipien und diese Antwortfähigkeit, das muß natürlich
auch eine Behörde leisten können. Das ist etwas anderes als eine
doktrinäre Vorgabe, welche Familienmoral oder so gelten soll.
Das BfS legt dar, daß es im Konrad-Verfahren
ethisch-moralische Grundsätze hatte.
Musiol: Ich danke Hans-Georg Babke für seinen Vortrag. Wir
kommen jetzt zu einem ganz spannenden Tagesordnungspunkt, und zwar lassen
wir uns
jetzt einen Abriß über die Geschichte von Asse II geben,
und zwar ganz unterschiedlichen Sichtweisen. Beginnen wird Herr Günther
Kappei von der GSF,
also der Betreiberseite, und direkt anschließen wird sich Helga
Koslowsky von der Aktion Atommüllfreie Asse.
1 FZK = Forschungszentrum Karlsruhe
2 BMBF = Bundesministerium für Bildung und Forschung
3 BfS = Bundesamt für Strahlenschutz
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