| Fachgespräch zur Situation im Atommüll-Endlager Asse II | weiter | zurück zum Inhaltsverzeichnis |
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bin Helga Koslowsky von der
Aktion Atommüllfreie Asse. Nebenberuflich bin ich Schulleiterin in
Braunschweig. Ich war von 1986 bis 1991 Kreistagsabgeordnete für die
Grünen hier im Landkreis Wolfenbüttel und habe mich in dieser
Zeit sehr intensiv mit der Asse beschäftigt. Die Ausführungen,
die ich jetzt hier vor-stelle zur Geschichte beruhen auf umfangreichen
Recherchen, die ich unter anderem in dieser aktiven Zeit durchgeführt
habe in Zusammenarbeit mit meinen vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern.
Es wird einige kleine Überschneidungen geben, aber ich trage es jetzt
so vor, wie ich es hier habe, sonst wird’s mir zu schwierig.
Also, die Schachtanlage Asse II bei Wolfenbüttel wurde 1906 zum
Zweck des Salzabbaus angelegt, das hat wurde ja bereits vorgetragen. Damals
war eine spätere Einlagerung von Atommüll nicht vorstellbar.
Wichtige Kriterien für den Bau von Atommüllendlagern wie z.B.
Standsicherheit und die Nähe zu wasserführenden Schichten spielten
also keine Rolle bei der Anlage dieses Salzbergwerks. Von 1908 bis 1925
wurde in Asse II Kalisalz, von 1916 bis 1963 Steinsalz gefördert,
die Kaliabbaue, das ist jetzt neu, das hat mein Vorredner nicht vor-getragen,
die Kaliabbaue wurde verfüllt, und im Steinsalzabbau entstanden über
100 Abbaukammern auf 13 Sohlen zwischen 490 und 800 m Tiefe. Jede Kammer
ist 60 m lang, 40 m breit und 15 m hoch, das wurde er ja bereits demonstriert
durch den Vortrag, und hat ein Vo-lumen von 36.000 Kubikmetern. Das Hohlraumvolumen
dieses Salzbergwerks beträgt ca. 3,5 Millionen Kubikmeter.
Jetzt kommen ein paar Daten, die noch nicht vorgetragen wurden. Bereits
1906 ersoff das ca. 1,6 km westlich gelegene Bergwerk Asse I. Ich trage
das nur vor, damit klar wird, welche Gefahrenpunkte wir hier grundsätzlich
sehen, und welche Gefahrenpunkte von Betreiberseite gar nicht als Gefahrenpunkte
gesehen werden. 1923 lief der ca. 3 km östlich gelegene Schacht Asse
III nach seiner Stilllegung von oben her voll mit Wasser. Die Quelle ist
eine Schrift von Herrn Egon Albrecht, der mal Leiter der GSF hier in der
Asse war. Dann erwarb 1965 die GSF, wie bereits ausgeführt, im Auftrag
der Bundesregierung das Salzbergwerk, um hier Versuche zur Endlagerung
von Atommüll durchzuführen. Der Begriff Versuchsendlagerung wur-de
geprägt, und die beunruhigte Bevölkerung glaubte, alles, was
in Asse II nun versuchsweise endgelagert wurde, sei selbstverständlich
rückholbar. Die GSF versprach nach dem Kauf, das Salzbergwerk Asse
II 5 Jahre lang gründlich auf seine Eignung für die versuchsweise
Einlagerung von Atommüll zu untersuchen. Dieses Versprechen wurde
bereits 1967 unterlaufen. Die GSF begann mit der Einlagerung von Fässern
mit schwach-radioaktivem Atommüll auf der 250-m-Sohle. Die versprochenen
Eignungsnachweise waren nicht erstellt. Also, es wurde nicht 5 Jahre lang
gründlich untersucht, und ich weiß auch nicht, wie intensiv
diese 2-jährigen Untersuchungen waren, es war ja eigentlich nur 1
Jahr. Jedenfalls, von April 1967 bis Ende 1978 wurden ca. 125.000 Gebinde
mit schwach-aktiven Abfällen eingelagert. Dabei handelte es sich um
radioaktiven Müll von Firmen wie Buchler in Braunschweig - existiert
ja heute noch - , Hoechst, AEG, der Bundeswehr, von allen westdeutschen
Atomkraftwerken und auch von den späteren Skandalfirmen Transnuklear
und Nukem in Hanau. Allein die Bundeswehr lagerte von 1976 bis 1978 236
Behälter mit schwach-aktiven Abfällen in die Asse ein, Trans-nuklear
6.578 Fässer, die Nukem 1.264 Behälter. Mit Beginn eines zweiten
Einlagerungsabschnitts im September 1967 durften die schwach-aktiven Abfälle
auch bis zu 15g Kernbrenn-stoffe, d.h. Uran-235 und Plutonium pro Gebinde
enthalten. Wir haben das mal auf einer hei-ßen Kreistagssitzung ausgerechnet,
ich glaube, Herr Prof. Kühn war auch dabei, welche Ge-samtmenge da
entstanden ist, und das war nicht unterheblich, es war so im Bereich von
jweils 20 kg Uran und Plutonium, wenn man diese 15g pro Faß zusammenrechnet.
Es ist jedenfalls vorhanden.
Genehmigungen wurden in dieser Zeit vom Bergamt und, wie vorhin bereits
ausgeführt wurde, nach §3 Strahlenschutzverordnung von der PTB
erteilt. Von September 1972 bis 1977 wurden dann 1.300 Rollreifenfässer
mit mittelaktiven Abfällen auf der 511-m-Sohle eingelagert. Sie enthielten
ebenfalls Beimengungen von Uran und Plutonium. Insgesamt lagern also heute
in Asse II 126.000 Gebinde mit schwach- und mittelaktiven Abfällen,
d.h. für jeden Einwohner, jede Einwohnerin des Landkreises Wolfenbüttel
ein Atommüllfass ungefähr. Insgesamt lagern hier auch ungefähr
24 kg Plutonium und ungefähr 26 kg Uran-235, verteilt auf etwa 14.300
Abfallgebinde, die nicht mehr zugängig sind. Das gesamte Nuklidinventar
betrug damals, vor etwa 6 Jahren, als ich diesen Artikel zusammengestellt
habe, 200.000 Curie.
Nun möchte ich dazu kommen, wie Einlagerungstechniken ausprobiert
wurden. Das hat mein Vorgänger ja auch bereits gut erklärt. Das
kann ich jetzt eigentlich auslassen. Ich möchte noch was zu den Kontrollen
sagen. Die Kontrollen bestanden damals aus Wischtests und Do-sismessungen
an der Oberfläche der Gebinde. Geöffnet wurden die Fässer
nicht. Plutonium kann z.B. auf diese Weise, weil es ein a-Strahler ist,
nicht nachgewiesen werden. Dann möchte ich noch über einen kleinen
Zwischenfall berichten, über den wir zufällig in einem Gespräch
mit Herrn Albrecht informiert wurden. 1972, hat er uns berichtet, kamen
an einem Regentag die Fässer naß an, so daß man oben auf
dem Schachtgelände noch keinen Wischtest durchführte, weil man
meinte, daß die Fässer vom Regen naß waren. Der Wischtest
wurde also unten auf der 750-m-Sohle durchgeführt, und da stellte
man fest, daß zumindest ein Faß außen kontaminiert war.
Bei der weiteren Überprüfung stellte sich heraus, daß der
Beton in den Fässern noch nicht richtig abgebunden hatte und während
des Transportes rausschwappte. So waren nicht nur Fässer von außen
kontaminiert, sondern auch die Schaufel vom Schau-fellader. Weil diese
Schaufel auch noch ein Loch hatte, wurden ca. 100m Salzstrecke auf der
50-m-Sohle kontaminiert. Nach Aussage des ehemaligen Leiters des Asseschachtes,
Herrn Albrecht, wurde dann aber alles, was kontaminiert war, ordnungsgemäß
entkontaminiert bzw. in Fässer gepackt und in der Asse endgelagert.
Der ganze Vorfall wurde im Jahresbericht der GSF bis zur Unkenntlichkeit
entstellt in einer Zeile erwähnt. Ich habe damals noch mal nachgefragt
bei den damaligen Betriebsleitern, die haben das geleugnet, daß es
so vorgefallen ist.
Dann gab es diverse Versuche in der Asse, die wurden auch bereits vorgestellt.
Da kann ich mich auch kurz fassen. Die Versuche mit mittelaktivem Müll
in Bohrlöchern wurden ja nicht durchgeführt, und die Versuche
mit den HAW-Kokillen wurden auch nicht durchge-führt. Ich möchte
nur kurz noch daran erinnern: die Geschichte mit den hochradioaktiven Kokillen
war die abenteuerlichste Geschichte, die wir überhaupt hier so mitbekommen
haben. Es handelte sich ja um hochradioaktive Abfälle, die in der
Plutoniumfabrik in Hanford in den USA, im nordwestlichen Staate Oregon,
in einer Anlage in diese Glaskokillen verfüllt wurden und sollten
dann vom äußersten Nordwesten der USA über den Pazifik
durch den Panamaka-nal, über den Atlantik usw. bis hierher in die
Asse fahren. Und das war für uns KritikerInnen der Anlage eine höchst
ominöse Angelegenheit. Wir konnten uns nicht vorstellen, daß
dieser Transport sinnvoll sei, zumal nachdem wir uns schlau gemacht hatten
bei Wissenschaftlern, die uns berichteten, daß so, wie diese Versuche
angelegt seinen, sie eigentlich gar nicht dazu dienen können,
wozu sie dienen sollen, nämlich dem Nachweis einer Möglichkeit
einer Endlagerung von hochradioaktiven Abfällen in Salz. Diese Versuche
waren also von der Anlage her nach Aussage unserer kritischen Wissenschaftler
gar nicht dazu geeignet. Die Versuche wurden abgeblasen, wir bilden uns
ein, nicht zuletzt aufgrund unserer Initiative, aber wir sind uns darüber
klar, daß noch einiges andere dazugekommen ist, um diese Versuche
dann einzu-stellen. Wir waren natürlich heilfroh, daß die Versuche
eingestellt wurden, und daß endlich auch dem Thema Standsicherheit
in der Asse mehr Gehör geschenkt wurde. Wir hatten in der Zwischenzeit
als Bürgerinitiative intensive Verhandlungen mit dem Umweltministerium
ge-habt. Seit 1990 war ja eine rot-grüne Regierung hier in Niedersachsen
dran. Wir haben sofort Kontakte aufgenommen, und 1994 wurde uns dann ein
Bericht zur Gefahrenabschätzung vor-gestellt, das war etwas, das nach
unserer Ansicht längst schon überfällig gewesen wäre;
eine Gefahrenabschätzung hätte unserer Ansicht nach schon vor
der ganzen Geschichte durchge-führt werden müssen. Immerhin,
er ist vorgestellt worden, und Quintessenz dieses Berichtes zur Gefahrenabschätzung
war dann die Verfüllung, weil eben die Standsicherheit nicht ge-währleistet
ist. Dazu übrigens hat bereits 1978 ein Mitglied unserer Bürgerinitiative,
der jetzt aber nicht mehr hier wohnt, einen umfassenden Bericht zusammengestellt,
indem er auf diese gefährdete Standsicherheit hingewiesen hat. In
unseren Gesprächen mit den Betreibern wurde das immer so ein bißchen
bagatellisiert, hatte ich den Eindruck. Aber das ist jetzt eine andere
Sache. Ich soll hier ja nur die Geschichte darstellen.
Erwähnenswert ist vielleicht noch, daß wir es geschafft haben,
im März 1990 1.000 Leute hierher zu kriegen zu einer Menschenkette
um die Asse, und ich denke, daß dies den Widerstand der Bevölkerung
eindrucksvoll demonstriert hat und sicherlich maßgeblich mit dazu
beigetragen hat, diese ganzen Fragen, die für uns offen waren, auch
etwas intensiver auch von behördlicher Seite nun zu betrachten.
Damit bin ich am Ende meiner Ausführungen. Ich kann jetzt nur hoffen,
daß mit der Asse alles gut geht, obwohl ich an die Rückholbarkeit
nicht mehr glaube, mir die nicht vorstellen kann und sie auch nicht für
sinnvoll halte nach meinem jetzigen Informationsstand.
Das war’s.
Musiol: Meine Damen und Herren, wir haben uns für den nächsten
Block „Geologie und Langzeitsicherheit“ auf folgendes Vorgehen organisatorischer
Art geeinigt: wir werden zu-nächst einmal die beiden Vorträge
zu dem Thema hören, beginnen wird Herr Dr. Hensel von der GSF und
anschließend Herr Dr. Appel von PanGeo, und anschließend werden
die beiden Referenten hier vorne sitzen, und dann können wir diskutieren
und Fragen stellen.
Dann möchte ich zunächst Herrn Dr. Hensel bitten.
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